Die Geschichte des Gewandhauses

Ein Artikel von Silvio Gahs für die Zeitung "Die Vierte Wand"

Eines der ältesten Gebäude Deutschlands, in denen Theater gespielt wird, ist das Gewandhaus im westsächsischen Zwickau. Aber einer der ältesten Theaterbauten Deutschlands ist es wiederum nicht.


Robert Schumann (1810-1856) wurde in Zwickau geboren, sein Geburtshaus ist heute Museum. Als Schüler im Zwickauer Lyzeum besuchte er im Gewandhaus Theateraufführungen. Er erlebte 1823 die Eröffnung des Hauses als Theater mit und später wurden seine eigenen Kompositionen hier aufgeführt.


Friederike Caroline Neuber (1697-1760), genannt die Neuberin, die große Prinzipalin des humanistischen deutschen Nationaltheaters erlebte ebenfalls in ihrer Jugendzeit Aufführungen im Gewandhaus.

Zeichnung von 1525

Wie passt das alles zusammen ?

Zwickau lag an einer der sächsischen Handelsstraßen und erlebte im 16. Jahrhundert eine Blütezeit des Tuchmacherhandwerks. Das Gewandhaus wurde 1522-1525 als repräsentatives Zunfthaus der Tuchmacher an der Stelle eines abgebrochenen älteren Kauf- und Gewandhauses errichtet. Steine dieses Abbruchs wurden wieder verwendet und sind während der restauratorischen Befundaufnahme in Vorbereitung der jetzigen Sanierung gesichtet worden.

Der fünfgeschossige Renaisanncegiebel an der Nordseite des Gebäudes wächst aus einem spätgotischem Unterbau hervor und trägt in den oberen Giebelfeldern ein altes Wahrzeichen der Tuchmacher, die Bügelbrille.

Zeichnung von 1941

Während im Erdgeschoss des Hauses die Fleisch- und Brotbänke untergebracht waren, befand sich im ersten Stock ein großer Saal als Verkaufsraum für die Handwerker zu den Jahrmärkten. Die Tuchschauen, wo die Viermeister der Tuchmacher-Innung die Qualität der Tuche prüften, fanden hier ebenfalls statt. Gutes Tuch wurde gestempelt, schlechtes Tuch durch Einreißen gekennzeichnet.

Wandernde Komödiantentruppen und Puppenspieler traten bereits vor dem dreißigjährigen Krieg in Zwickau auf. Das Theaterspiel erlebte hier eine regelrechte Blütezeit. Der älteste Nachweis über Theaterspiel im Gewandhaus mit einem „Dockenwerk“ ist uns überliefert vom Juli 1688. Es ist davon auszugehen, dass dieses Puppenspiel ebenfalls im Saal im ersten Stock stattfand.

Dieser Saal wurde 1812 durch Einziehung von Zwischenwänden umgestaltet. Im südlichen Teil entstand der Überlieferung nach ein eleganter Konzertsaal. Im vorderen Teil, zum Markt gelegen, entstand der größere Raum. Dieser wurde 1823 als „Theater auf dem Gewandhause“ fertig gestellt. Zwickau hatte seinerzeit über 5000 Einwohner und das Bedürfnis nach regelmäßigem Theaterspiel wuchs an. Dafür wurde der Theatersaal an wandernde Theatergesellschaften verpachtet. Eine Spielzeit dauerte mehrere Wochen, um die Jahrhundermitte bereits bis zu 3 Monaten.

Im Eröffnungsjahr 1823 des „Theater auf dem Gewandhause“ wurden im Zwickauer Wochenblatt die Opern „Der Kalif von Bagdad“ und „Der Freischütz“ der Herrmannschen Spieltruppe angezeigt.

Trotz reichhaltigen Spielplänen für die jeweils kurze Verpachtungsszeit an die Theatergesellschaften war der Theaterraum nur ein Provisorium, da eine feste, eingebaute Bühne nicht vorhanden war. Dieser Bühnenbau mit einer Bühnenöffnung von 2,80 m Höhe wurde nach beendeter Spielzeit immer wieder abgebrochen.

Timeline von 1673 - 1903
Für Neubaupläne fehlte in dieser Zeit trotz der gewachsenen Aufgeschlossenheit des Zwickauer Publikums für Schauspiel und Oper das nötige Geld. So entschloss man sich für einen Umbau im Gewandhaus und richtete 1855 in der Längsachse des Hauses ein Theater ein. Am 13. November 1855 eröffnete somit, man könnte sagen, der erste zweckgebundene Theaterraum im Gewandhaus mit der Oper „Die weiße Dame“ von Boieldieu.

Das einzige überlieferte technische Detail ist der Einbau des Eisernen Schutzvorhanges 1882 im Zusammenhang mit neuen Verordnungen nach dem Brand des Wiener Ringtheaters. Von einem Kronleuchter in den 1890ern ist zu lesen und von der Umstellung von Gaslicht auf elektrische Beleuchtung um die Jahrhundertwende. Dies gilt es noch zu erforschen. Die Bühnenöffnung betrug damals 8,45 m in der Breite und 5,50 m in der Höhe. Diese Abmessungen haben sich in etwa bis heute so erhalten. Allerdings ist die Kapazität von seinerzeit 1100 Zuschauerplätzen (500 Sitzplätze, 300 Stehplätze in den Parkettseiten und 300 Stehplätze auf der Galerie) nicht mit heute vergleichbar.

Foto von 1954
Das wahrscheinlich älteste Bild vom Zuschauerraum zeigt sein Aussehen bis 1947. Über die Bühnentechnik ist aus Vorkriegszeiten leider so gut wie nichts überliefert. Wir wissen, dass das Haus den 2. Weltkrieg fast unbeschadet überstanden hat. Damit entsteht nun für uns zum Thema Baugeschichte und insbesondere zum Thema Nutzung des Gewandhauses als Spielstätte ein überaus interessanter großer Fragenkatalog, der die Bereiche von der Theatermechanik über die Beleuchtungsformen bis hin zu Ausgestaltungen des Saales und des Foyers umfasst. Die 2016 begonnene Entkernung des Hauses wird hier hoffentlich einige Fragen beantworten. Mit dem Umbau des Zuschauerraumes 1947 und dem Abriss des Bühnenhauses 1953 und der damit verbundenen Verlängerung des Gebäudes 1954 um ungefähr 13 m in Richtung Süden begann eine Zeit der ständigen Um- und Anbauten am Hause selbst und im Theaterkomplex. 1965 wurde das Funktionsgebäude links der Bühne angebaut. 1996/97 erfolgte ein größerer Umbau mit erheblichen Eingriffen in den historischen Bestand im Innenraum.

Jedoch nagte der Zahn der Zeit an der Gebäudesubstanz so arg, dass sich nunmehr eine grundlegende Sanierung des Gewandhauses unter denkmalpflegerischen Gesichtspunkten dringendst erforderlich macht. Aus dem LfD Sachsen heißt es dazu:

„Bei dem errichteten Bau handelt es sich um eines der frühesten und eindruckvollsten Monumente bürgerlichen, dem Gemeinwohl verpflichteten Bauens in der neuartigen Formensprache der Renaissance nicht nur im Freistaat Sachsen, sondern in der gesamten Bundesrepublik. Dabei erweist sich das im Eingangsbereich erhaltene seltene Schlingrippengewölbe sogar als vorbildhaft für die Wölbung … der kurfürstlichen Schlosskapelle in Dresden. An der denkmalgerechten Erhaltung und weiteren öffentlichen Nutzung als Theaterspielstätte besteht ein öffentliches Interesse.“

Foto von 2000

Copyright © Peter Awtukowitsch

Im Frühjahr 2016 fasst der Stadtrat in Zwickau einstimmig den wegweisenden Vorhabensbeschluss zum Umbau und der Sanierung des Gewandhauses mit folgenden Schwerpunkten:

-   äußere Gebäudegestaltung unter denkmalpflegerischen Gesichtspunkten, insbesondere Farbgestaltung und Nordgiebel mit den Ecksäulen

-   altdeutsche Neueindeckung des Daches mit Natursteinschiefer

-   Neugestaltung der jetzt sehr beengten Foyerbereiche

-   Brandschutzmäßige Ertüchtigung des Gebäudes

-   Umsetzung der Zentralgarderobe und des Personenaufzuges

-   Erneuerung des Gestühls bei Beibehaltung der jetzigen Proportion des Zuschauerraumes

-   Umlegung von Technikräumen aufgrund der Hochwasserproblematik

-   Erneuerung der Steuerung der Bühnenmaschinerie und Einbau eines Orchesterhubpodiums

Am 5. Juni 2016 fand die letzte Vorstellung im Gewandhaus statt.

Die Theaterleute haben mit dem „Theater im Malsaal“ eine Ausweichspielstätte zum Leben erweckt.

Die Sanierung soll im Frühjahr 2019 abgeschlossen sein. In Erwartung des dann folgenden Bauabschnittes zum Gesamttheaterkomplex liegen also spannende Zeiten vor uns.

 

 

Zuschauerraum bis 1947
Zuschauerraum 1975

Die Interimslösungen für die Sanierung

Im Juli 2016 wurde das Gewandhaus freigezogen und leergeräumt an den Bauherren übergeben.

Ebenso im Juli 2016 fand die Bauabnahme der Ausweichspielstätte „Malsaal“ statt. Das neue Domizil wurde mit Beginn der Spielzeit 2016/17 eröffnet und erfreut sich seitdem großer Beliebtheit.

Gewandhaus 2015
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Gewandhaus 2016
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Dem vorangegangen war ein mehrjähriger Umzugsmarathon bei laufendem Spielbetrieb. Im Gewandhauskomplex existiert nur eine Probebühne, in die sich alle Sparten reinteilen mussten. Das führte nicht nur zu erhöhtem Aufwand des ständigen Hin- und Herräumens von Probenkulissen sondern auch zu mancherlei Verständnisproblemen. Eine Lösung musste her. Für das Ballett stellte uns die Stadt Zwickau eine Etage in einer leeren Schule zur Verfügung. Deren Aula diente als Ballettstudio. Leider endete diese Etappe bereits im Sommer 2017 und unser Ballett musste in das ehemalige Verwaltungszentrum in der Werdauerstraße in Zwickau umziehen.

 

Das Musiktheater hat mit der Festhalle einer Grundschule ebenso ein neues Probendomizil gefunden. Allerdings ist das bei laufendem Schulbetrieb auch nicht immer leicht zu händeln und verlangt von beiden Seiten viel Einfühlungsvermögen und Flexibilität.

Die Örtlichkeit der Ausweichspielstätte während der Sanierungszeit war lange unklar. Alle Varianten von Kulturhaus über Theaterzelt bis hin zur gänzlichen Einstellung des Theaterbetriebes wurden auf den Prüfstand gestellt. Einige Varianten scheiterten am Geld, da die finanzielle Belastung vom Theater allein getragen werden sollte. Die Stadt Zwickau sah zu dem Zeitpunkt keine Möglichkeit, sich an den Kosten der Interimsspielstätte zu beteiligen. Andere Varianten schieden wegen der ungünstigen Lage oder Baufälligkeit aus.

Die einzige Möglichkeit war die Ertüchtigung des Malsaals im Theaterkomplex. Probebühne und Seitenbühne wurden noch während des Spielbetriebes umfunktioniert zur Deko-Werkstatt und Malsaal und das Malsaalgebäude wurde in einem halben Jahr zur Spielstätte ertüchtigt. Bereits 2015 begann der Auszug aus dem Gewandhaus. So wurde z. B. der Beleuchtungsfundus unterm Dach häppchenweise ausgeräumt.
Sanierung des Dachstuhls
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Nach der letzten Vorstellung im Gewandhaus wurde die benötigte Ton- und Beleuchtungstechnik in die Ausweichspielstätte gebaut und in Betrieb genommen. Nach einem ausgeklügelten Auszugsplan wurde innerhalb von vier Wochen das Gewandhaus endgültig freigezogen. An jeder Tür hingen Auszugslisten mit den Angaben, was wohin zu verbringen war. Eigens zur Lagerung der weiterzuverwendenden Technik hat das Theater Lagerräume bei der Stadt Zwickau angemietet. Die Interimsräume für Ballett und Musiktheater sind übrigens auch bei der Stadt angemietet. Garderoben und Funktionsräume für technische Meister und die Tonabteilung haben nun interimsmäßigen Platz im alten Funktionsgebäude gefunden. Die Besucherabteilung einschliesslich der Theaterkasse musste zwei Mal umziehen und befindet sich nun in unmittelbarer Theaternähe. Alle Umzüge und die damit verbundenen Arbeitsschritte sind während des laufenden Spielbetriebes vom eigenen Theaterpersonal gestemmt worden.
Sanierung des Dachstuhls
Copyright © Silvio Gahs

Die Ausweichspielstätte Malsaal verfügt über 130 Plätze bei einer Spielfläche von 10 x 6 m, also eher klein und nicht für großes Theater geeignet. Zur Absicherung des „Anbietenkönnens“ des gesamten Spielplanes am fusionierten Theater Plauen-Zwickau haben wir um den Malsaal herum in Zwickau weitere Spielmöglichkeiten erschlossen, in welche wir uns temporär einmieten für eine jeweils verkürzte Endprobenstrecke mit einem Vorstellungsblock.

-   Lukaskirche Planitz

-   Konzert- und Ballhaus Neue Welt

-   Aula der Pestalozzischule

-   Katharinenkirche

-   Festhalle der Schule am Scheffelberg

-   Dom St. Marien

-   Bürgersaal im Rathaus Zwickau

Darüber hinaus werden die Burg Schönfels und die Freilichtbühne Zwickau am Schwanenteich im Sommertheater bespielt.